Persönlichkeitsanalyse durch Software, Quatsch oder Realität?

  • Die sprachpsychologische Software PRECIRE erstellt ein Persönlichkeitsprofil durch eine Sprachanalyse
  • Sprachliche Merkmale korrelieren demnach mit charakterlichen Merkmalen
  • Der Inhalt des Gesagten spielt keine Rolle
  • Unternehmen und Behörden sind sehr interessiert an dieser Software

Zuerst habe ich dies für esoterische Quacksalberei gehalten. Und ich bin noch nicht davon überzeugt, dass damit mehr als oberflächliche Ergebnisse erzielt werden. Aber die Kundenliste ist beachtlich: Unternehmensberatung Kienbaum, Krankenkasse DAK, Mercedes-Benz, Aachener und Münchener und nach einem Pressebericht die Polizei und eine große Online-Partnerbörse.

Es sollen demnach Entscheidungen über Einstellung von Personal, über den Tarif einer Krankenversicherung oder über die Wertung von Aussagen bei der Polizei mit Hilfe der Software erfolgen.

Wir müssen also darüber reden, denn dies ist fast noch dramatischer als die Datensammelwut bestimmter Geheimdienste oder die Vorratsdatenspeicherung unserer Regierung.

Worum geht es?

Die Firma Psyware wurde vor zwei Jahre gegründet und beschäftigt ca. 30 sog. High Potentials, IT-ler, Psychologen, Linguisten, Informatiker und Betriebswirte. Sie kooperiert u.a. mit der Hochschule RWTH Aachen und dem Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz. Neben dem Austausch von Wissen kann sie dort vor allem Rechnerkapazitäten nutzen für die Berechnung neuer statistischer und algorithmischer Modelle.

Laut ihrer Webseite strebt sie die Marktführerschaft im Bereich der automatisierten Sprachanalyse zu psychologischen Zwecken an. Dort ist vermerkt, dass die Software PRECIRE eine sprachpsychologische Anwendung ist, „die – weltweit einzigartig – gesprochene und/oder geschriebene Sprache auf psychologische Merkmale hin untersucht.“

PRECIRE soll insbesondere in den Bereichen Gesundheitsvorsorge & Prävention und im Personalwesen Anwendung finden. Weiter geht es um die Analyse von Sprache zur Unterstützung von Marktforschung, Kundenkommunikation und Vertrieb.

Durch eine Sprachaufzeichnung von wenigen Minuten Dauer soll ein Persönlichkeitsprofil eines Menschen erstellt werden. Dieses soll zu 90 Prozent dem entsprechen, was Psychologen mit verschiedenen Testverfahren in mehreren Tagen erarbeiten. Der Geschäftsführer, Herr Dr. Dirk Glatzel, sagt:

„Unsere Software liefert objektive Ergebnisse. Anders als ein Fragebogen, wo Sie selbst Auskunft über sich geben. Das Ergebnis ist objektiver als das, was Psychologen messen können, denn wie wir sprechen, das können wir kaum bewusst steuern, sobald wir länger als ein paar Minuten reden.“

„Wie die Maschine analysiert, unterscheidet sich fundamental von der Art, in der Sie jemanden betrachten. Das sind hochleistungsfähige MRTs auf Molekularebene, da brauchte man viele Jahre, wenn man das alles selbst herausfinden wollte.“

„Ein Viertel bis ein Drittel der Erkenntnisse, die die Maschine generiert, ist für die untersuchte Person neu.“

Die Reporterin der FAZ führte einen Selbstversuch durch. Sie telefonierte eine knappe Viertelstunde mit einer Computerstimme und beantwortete Fragen wie „Beschreiben Sie einen typischen Sonntag“, „Beschreiben Sie ein besonders schönes Erlebnis, das Sie in den letzten Wochen hatten“ oder „Welche Sorgen hatten Sie in den vergangenen Wochen?“. Ihre Antworten umfassten 1531 Wörter, die in das Analyseprogramm PRECIRE eingegeben wurden.

In der Auswertung finden sich Überschriften wie: „Wortverwendungshäufigkeiten“, „Verwendung von Wortarten“, „Ihr persönliches Sprachprofil“, “ Eigene Antriebsquellen“, „Typische Persönlichkeitseigenschaften“ oder „Widerstandskraft bei Belastungen“.

Die meisten Aussagen sind ihrer Auffassung nach richtig. Bei einem Ergebnis, das sie nicht für richtig empfindet, erhält sie die Antwort: „Wir messen ja nicht, was Sie über sich denken, sondern wie Sie im Vergleich zur Allgemeinheit der Probanden sind. Das ist viel objektiver.“

Was wünschen die Kunden?

Die Kunden kommen u.a. mit folgenden Fragen: „Wie einsatzbereit ist dieser Bewerber?“, „Was verrät die Sprache eines Kunden über ihn?“, „Wie risikobereit ist ein bestimmter Börsenmakler?“, „Ist dieser Krankenversicherte depressiv?“, „Lügt dieser Versicherte, wenn er eine bestimmte Schadensmeldung absetzt?“

Der Geschäftsführer sagt: „Wir können alles beantworten, was von unseren Kunden gewünscht wird“

Eine Online-Partnerbörse will zukünftig kein Persönlichkeitsprofil von den Bewerbern mehr anlegen lassen, um angeblich passende Partnervorschläge zu erhalten. Diese müssen nur noch drei Fragen am Telefon beantworten, den Rest erledigt die Software.

Wie arbeitet die Software?

Hier wird es spannend und natürlich wird der Algorithmus nicht veröffentlicht. Aber auf der Webseite wird es relativ ausführlich dargestellt. Dort wird zunächst allgemein erklärt:

„Die Anwendung konzentriert sich nicht auf Inhalte der menschlichen Sprache, sondern auf das Sprachkonstrukt und in der Sprache und Stimme zum Ausdruck kommende unbewusste Anteile des Sprechenden. Dabei werden Sprachproben in ihre kleinsten Informationsbausteine zerlegt und mit einem System von Messpunkten auf linguistische und prosodische (akustische) Auffälligkeiten hin analysiert. Diese Auffälligkeiten werden dann – mosaikartig – zu validen Aussagen etwa zur Verfassung, zur Persönlichkeit oder zu Leistungsmerkmalen des Sprechenden zusammengefasst.“

Psyware soll in den letzten zwei Jahren ca. 5.000 Menschen psychologisch vermessen haben.

Die Teilnehmer, bei denen Psychologen auf herkömmlichem Wege ähnliche Persönlichkeitsmerkmale feststellten, wurden in Gruppen eingeteilt. Dann ist ihre Sprache auf Gemeinsamkeiten und auf Unterschiede zu den anderen Gruppen untersucht worden. So habe man sprachliche Merkmale festgestellt, die mit bestimmten charakterlichen Merkmalen in Beziehung stehen.

Wie auf der Know-How-Seite nachzulesen, handelt es sich im Endeffekt um mathematische Vorhersagemodelle (ähnlich wie bei der Verbrechensvorhersage-Software Precobs). Die Auswertung erfolgt mithin durch die Software.

Und da schreibt die Autorin in der FAZ drei m.E. denkwürdige Sätze:

“ … Die Auswertung der einzelnen Sprachaufnahmen macht die Software dann selbständig. Deswegen kann Gratzel nicht begründen, wie die Ergebnisse zustande kommen. Er kann beispielsweise nicht sagen: Sie haben diese oder jene Wörter so und so oft benutzt, deswegen sind Sie ein besonders ängstlicher Mensch. …“

Dies ist natürlich Quatsch. Denn, wie von Psyware selbst dargelegt, sind in den Algorithmen gewisse Wechselwirkungen hinterlegt. Kann ja auch nicht anders sein, die Software kann ja nur dies in Bezug setzen was in ihr hinterlegt wurde.

Die Software untersucht angeblich 180.000 Merkmale und bezieht bis zu 50 verschiedene Parameter in die Berechnung einer bestimmten Charaktereigenschaft ein.

Sie misst u.a. Satzlänge, positive oder negative Wortwahl, bestimmte Wortarten oder Wörter, die aus einem bestimmten Wortfeld verwendet werden. Irgendjemand muss diese Dinge ja definiert haben. Deshalb spielt auch der Inhalt keine Rolle, weil die Software den ohnehin in vielen Fällen nicht verstehen würde.

Bewertung

Sinn des Ganzen soll sein, dass Maschinen verstehen, wie sich Menschen fühlen. Herr Dr. Gratzel sagt: „Sie sollen nicht nur unsere Sprache, sondern auch unsere Emotionen verstehen lernen, sie sollen herausfinden können, wie es uns Menschen geht.“

Dies scheint mir nicht ganz richtig zu sein. Die praktische Anwendung geht doch eher dahin, dass Menschen mittels Software bzw. der darin enthaltenen Algorithmen feststellen wollen, wie andere Menschen ticken.

Wie oben beschrieben werden viele Merkmale in die Berechnung einbezogen und gegenseitig in Beziehung gesetzt.

Man muss sich also darauf verlassen, dass diese Wechselbeziehungen richtig erkannt sind, dass sie richtig programmiert wurden, und dass sie bei jedem Menschen dasselbe bedeuten. Und dies beruht auf der psychologischen Vermessung von ca. 5.000 Personen.

Dies ist in meinen Augen eine viel zu kleine Datenbasis, um solch weitreichende Entscheidungen, nämlich die psychologische Bewertung von Menschen, eine Software treffen zu lassen. Und vollkommen inakzeptabel finde ich die Annahme, dass dies bei allen Menschen gleich abläuft. Da hat wohl jemand die Interaktionen der Gene unter sich wie auch die Wechselbeziehungen zwischen Genen und Umwelt übersehen.

Hinzukommt, wenn ein Psychologe falsche Ergebnisse liefert kann ich ihn verklagen und seine Testergebnisse überprüfen lassen.

Bei dieser Software kann ja angeblich noch nicht mal der Geschäftsführer begründen wie die Ergebnisse zustande kommen. Wie sollen dann die Ergebnisse überprüft werden können?

Wie ich oben schon schrieb glaube ich schlicht nicht, dass der Algorithmus nicht überprüfbar ist, aber es ist doch schön wie den Menschen hier eine Blackbox verkauft wird.

Es soll einfach geglaubt werden was ein Computer nach Berechnungen mit einer Software ausgibt. Dies entspricht nicht dem was ich mir unter einer freien Gesellschaft vorstelle.

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