Eine Weihnachtsgeschichte aus Afghanisten, Ende offen (07.12.2014)

Ortskräfte nennt man die Menschen in Afghanistan, die den Mut hatten die Bundeswehr im Kampf gegen die Taliban zu unterstützen. Und man sollte meinen, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, dass Deutschland diesen Menschen nun hilft, da die Taliban sie bedrohen. Doch dies ist leider nicht so. Hier die Geschichte:

Die afghanische Journalistin Meetra Moqadam arbeitet seit 2011 beim Lokalradio Bayan-e Shamal („Stimme des Nordens“), das von der Bundeswehr unterstützt wird und Teil der sog. Operativen Kommunikation ist. Das Radio sendet in den verschiedenen Landessprachen und ist ein wichtiges Instrument um den Kontakt zur Bevölkerung zu halten.

Die Taliban haben bekanntlich allen „Kollaborateuren der Invasion“ Vergeltung angedroht. Wenn die ISAF-Truppen demnächst abziehen geht es nicht nur um die Arbeitsplätze der Ortskräfte, sondern auch um deren Leben.

Und Frau Moqadam hat nicht nur Drohungen erhalten, z.B. Textnachrichten wie „Hör auf zu arbeiten, sonst können du und deine Familie das schöne Leben vergessen.“

Zweimal bereits wurden bei Nacht die Fenster der Wohnung von Frau Moqadam eingeschlagen und der Hof der Familie verwüstet. Jedes Mal konnten die Täter unerkannt entkommen. Die Polizei konnte nicht helfen.

Somit erstattete Frau Moqadam im deutschen Militärcamp Marmel eine sog. Gefährdungsanzeige. Sie möchte angesichts der Bedrohungen mit ihrer Familie nach Deutschland kommen.

Eine andere Mitarbeiterin des Senders, Frau Palwasha Tokhi, wurde Mitte September in ihrer Wohnung in Masar-i-Scharif von Unbekannten erstochen. Die Polizei redet von privaten Streitereien. Dies kann die Polizei deshalb so gut wissen, weil sie die Täter nicht gefasst hat. Jedenfalls glaubt diese Version niemand, da auch Frau Tokhi vor der Tat Todesdrohungen erhalten hatte.

Es waren tausende Ortskräfte, die ab 2001 als Übersetzer, Bauarbeiter, sonstige Hilfskräfte oder auch als Journalisten für Deutschland arbeiteten. Zu Spitzenzeiten waren es 1.700 allein bei der Bundeswehr.

Inzwischen wurde vielen der Ortskräfte gekündigt, so dass bisher 1197 dieser Gefährdungsanzeigen bei der Bundeswehr eingegangen sind. Über diese entscheidet ein Gremium der Bundeswehr. Die Kriterien hierfür sind, wie sollte es auch anders sein, geheim.

Bisher wurde bei 45 Afghanen eine „akute Gefahr für Leib und Leben“ anerkannt und diese sofort nach Deutschland ausgeflogen. Bei 451 wurde eine „latente Gefahr“ festgestellt. 690 seien dagegen „keiner höheren Gefahr“ ausgesetzt als alle Menschen, die eben in einem Krisenland leben.

Von 80 Journalisten haben 53 einen Ausreiseantrag gestellt, 22 Fälle wurden positiv entschieden.

Deutschland verteidigt sein restriktives Verhalten mit dem angeblichen Wusch der afghanischen Regierung, nicht alle gut ausgebildeten Bürger aus dem Land ziehen zu lassen. Afghanistan könne auf sie nicht verzichten, heißt es in Kabul. Lieber lässt man sie von den Taliban ermorden.

Hoffen wir, dass Frau Moqadam und ihre Familie noch vor Weihnachten einen positiven Bescheid der deutschen Regierung erhält.

Australien hat ohne viel Federlesens 500 Ortskräfte nebst Familien bereits zur letzten Jahreswende nach Australien ausgeflogen. Ähnlich haben viele andere Staaten, wie die USA, Kanada oder Neuseeland gehandelt.

Ein Dolmetscher für Deutschland wurde bereits in 2013 ermordet. Er hatte im Januar 2013 von seiner Gefährdung den deutschen Behörden berichtet. 10 Monate später wurde er ermordet. Die Bundesregierung behauptet er sei aus kriminellen Gründen ermordet worden, obwohl die afghanische Polizei den Sohn des örtlichen Taliban-Kommandeurs festnahm.

Die Bundesregierung hat bis heute keine wirklichen Konsequenzen gezogen, sondern lediglich ein bürokratisches Verfahren verfeinert. Offensichtlich mit dem Ziel möglichst wenige Ortskräfte nach Deutschland kommen zu lassen.

Wenn man schon Afghanistan wieder den Taliban überlässt, dann hat man zumindest die verdammte Pflicht diejenigen nach Deutschland zu holen, die im Vertrauen auf die Zielsetzungen der westlichen Länder diesen versucht haben zu helfen die Terroristen zu vertreiben.

Diese sehenden Auges einem tödlichen Schicksal zu überlassen ist mit keinem der Werte vereinbar, für die westliche Soldaten und Afghanen ihr Leben gelassen haben. Es wäre eine Schande.

 

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