Regionale Lebensmittel und Ökobilanzen (18.05.2014)

Wenn Gutgemeintes hinterfragt wird gibt es manchmal böse Überraschungen. So auch bei denm Vergleich der Ökobilanzen regionaler und von weit her importierter Lebensmittel.

Herr Schlich, Professor für Prozesstechnik in Lebensmittel- und Dienstleistungsbetrieben an der Universität Gießen befasst sich seit Jahren mit den Ökobilanzen von Lebensmitteln. Nach seinen Ergebnissen haben importierte Lebensmittel oft bessere Ökobilanzen als regional hergestellte Produkte.

Er berechnet u.a. die erzeugte Menge Kohlendioxid je Kilogramm Produkt. In diese Berechnung bezieht er zahlreiche Faktoren ein, so auch die Betriebsgröße und Betriebsauslastung oder Transportwege.

Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die Bedeutung des Transportweges meist überschätzt wird. Unterschätzt werde der Einfluss der Betriebsgröße. Er macht dies am Beispiel vom Lammfleisch aus Neuseeland und Deutschland deutlich. So halten deutsche Betriebe viel weniger Schafe und sind oft nicht optimal ausgelastet. Es fallen z.B. mehr Fahrten zu Schlachthäusern an, insbesondere seit diese in den letzten Jahren immer mehr zentralisiert wurden.

In Deutschland gebe es weniger Weideflächen so dass häufig importiertes Kraftfutter zugefüttert werde. Dieses Kraftfutter kommt oft aus Südamerika und schadet dort dem Regenwald. Durch die Kleinteiligkeit der Erzeuger in Deutschland sei die Ökobilanz schlechter als bei durchorganisierten Großbetrieben.

Zu ähnlichen Ergebnisses kam er bei Äpfeln. Auch hier kommt er zu dem Resultat, dass der Energieaufwand weniger von den Transportwegen, als von der Betriebsgröße abhängt. So ist der Transport bei kleineren Betrieben deshalb aufwändiger, weil sie mit kleineren Fahrzeugen arbeiten. Weiter verfügen diese nicht über eigene Kühlhäuser, so dass hier bereits Transporte anfallen.

Herr Prof. Schlich hat errechnet, dass bei Betrieben mit einer Jahresproduktion von mehr als 1000 Tonnen Tafeläpfeln der Energieaufwand nur 0,1 Kilowattstunden pro Kilogramm beträgt, wobei 40 Gramm Kohlendioxid pro Kilo freigesetzt werden. In Betrieben, die weniger als 200 Tonnen Äpfel erzeugen, werden dagegen bis zu 0,5 Kilowattstunden pro Kilo verbraucht, weshalb bis zu 200 Gramm CO² pro Kilo entstehen.

Der Transport per Schiff nach Deutschland schlage kaum zu Buche. Die dabei verbrauchte Energie entspreche in etwa jener, die zur monatelangen Einlagerung deutsche Äpfel in Kühlhäusern aufgewandt werden müsse.

Er plädiert deshalb für größere Erzeugereinheiten, was nicht zwingend eine Massenproduktion sein muss. So nennt er ein Beispiel aus einer Winzergenossenschaft, die sich zahlreiche Maschinen teilt und diese deshalb besser auslastet, mithin auch zu einer besseren Ökobilanz kommt.

Prof. Schlich betont weiter, dass dann, wenn das Vieh, ob Schafe oder Rinder, ganzjährig auf der Weide bleiben und ggf. das dort vorhandene Futter verfüttert wird, die Ökobilanz besser ausfalle, insbesondere wenn mehrere Erzeuger die Produkte gemeinsam vermarkten.

Interessant ist, dass ich auf den Webseiten der großen Umweltverbände wie dem BUND oder der Deutschen Umwelthilfe zu dieser Frage nichts gefunden habe. Diese haben sich wohl mit den Ergebnissen von Herrn Prof. Schlich entweder nicht auseinander gesetzt oder diese für richtig angesehen. Die Suche erfolgte auf den Webseiten der beiden Verbände mittels der dortigen Suchfunktion und den Begriffen Ökobilanz bzw. Schlich. Bei Greenpeace fand ich ein Interview mit Herrn Prof Schlich über Castoren aus dem Jahre 1998, aber auch nichts zu den Berechnungen von Herrn Prof. Schlich bezüglich den Ökobilanzen von Lebensmitteln.
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Was schließen wir daraus? Es mag gute Gründe geben regionalen Lebensmitteln den Vorzug zu geben, die Ökobilanz ist es aber in der Regel nicht. Dies sollten die Menschen wissen, wenn sie sich frei und ohne schlechtes Gewissen für das Lebensmittel entscheiden wollen, das ihren Bedürfnissen am ehesten entspricht.

Zur Klarstellung, In diesem Artikel ging es allein um den Einfluss des Transportweges auf die Ökobilanz und nicht um weitere Faktoren, die bei der Erzeugung von Lebensmitteln zu beachten sind, wie artgerechte Tierhaltung, Pestizideinsatz oder die vielfältigen Gütesiegel. Dies ist einen eigenen Artikel wert.

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